Friedensaufruf der Kommission der Orthodoxen Kirche in Deutschland
Christus ist auferstanden von den Toten, den Tod hat er durch den Tod zertreten ...
Mit
diesem österlichen Gesang, in dem die Orthodoxe Kirche ihre Freude über die
lebenspendende Auferstehung Christi bekundet, grüßen wir alle Menschen, die
den Frieden wollen.
In diesem Jahr aber, da erstmals seit über fünfzig Jahren auch in den Tagen des Festes in Europa die Schreie der Leidenden und die Detonationen der Bomben zu hören sind, wird unsere österliche Freude überschattet von der Sorge um eine drohende weitere Eskalation des Krieges auf dem Balkan, die unabsehbare schreckliche Folgen für die Menschen in ganz Europa, ja der ganzen Welt haben kann.
Daher fühlen wir uns verpflichtet, zugleich mit der Bekundung der österlichen Freudenbotschaft unsere Betrübnis zu bekunden und ein Wort der Mahnung an unsere Brüder und Schwestern sowohl in der eigenen Kirche wie auch in den anderen christlichen Gemeinschaften und nicht christlichen Religionen, ja an alle Menschen guten Willens zu richten, dass alle im Rahmen der ihnen zu Gebote stehenden Mittel auf eine baldige Beendigung der kriegerischen Auseinandersetzungen und der Menschenrechtsverletzungen hinwirken.
Dabei
müssen wir mit Verbitterung feststellen, dass in den deutschen Medien weitgehend
eine einseitige Darstellung der Geschehnisse auf dem Kosovo und Metohija bzw.
in Jugoslawien verbreitet wird, die verschweigt, dass in zunehmendem Maße auch
die Zivilbevölkerung in Serbien und Montenegro unter den Bombenangriffen der
NATO zu leiden hat, dass inzwischen unter anderem auch mehrere Kirchen und Klöster
betroffen worden sind, wobei auch das auch durch seine Kunstschätze berühmte
Kloster von Gracanica nur knapp der Zerstörung entgangen ist, als eine Rakete
in das bei ihm gelegene Dorf einschlug. Unbeachtet bleibt auch fast durchgängig
die Tatsache, dass es auch von Seiten der UCK schon seit Monaten Übergriffe
gegen friedliche serbische Bürger des Kosovo gegeben hat. Wichtiger ist
sicher noch, dass hier zu Lande die Initiativen von orthodoxer kirchlicher Seite
fast völlig totgeschwiegen wurden, die in unserer Sicht beachtenswerte Vorschläge
zu einer friedlichen Lösung gemacht haben, und teilweise ein allgemeines Negativbild
über das serbische Volk verbreitet wird.
Bestürzt hat uns in diesem Zusammenhang auch gemacht, wie
schnell und selbstverständlich von führenden Vertretern der Römisch-Katholischen und
der Evangelischen Kirche in Deutschland militärische Gewalt als einzig
wirksames, letztes Mittel charakterisiert und die humanitären Ziele dieser
Intervention der NATO ausdrücklich anerkannt wurden - unbeschadet der Tatsache,
dass sich der durch keine völkerrechtlich relevante Entscheidung abgesicherte Einsatz der
NATO-Bomber letztlich gegen ein Volk richtet, mit dessen Kirche man seit Jahrzehnten auf
ökumenischem Gebiet zusammenarbeitet. Von daher sehen wir die Gefahr, dass die Bomben,
die jetzt auf Jugoslawien fallen, nicht nur zahlreichen Menschen die Habe und sogar das
Leben nehmen werden, sondern auch manche in langen Jahren mühsam gewachsene ökumenische
Beziehung zwischen orthodoxen und westlichen Christen zerstören werden.
Erschüttert
hat uns, dass nicht einmal am heiligen Osterfest die Raketen- und Bombenangriffe
eingestellt wurden, sondern für viele Menschen in ganz Jugoslawien erneut Angst
und Schrecken, Leid und Tod brachten, denn zweifelsohne hat seit dem Beginn
der NATO-Angriffe die Tragödie sowohl für das serbische Volk wie auch die anderen
ethnischen Gemeinschaften auf dem Kosovo und im Metohija zugenommen.
So fordern wir Gerechtigkeit und Frieden für alle Menschen in Jugoslawien, egal welcher Nationalität sie sind, darunter aber auch für unsere serbischen Brüder und Schwestern, denen nicht die falsche Politik der Machthaber in ihrem Land angelastet werden darf. Es sollte auch nicht vergessen werden, dass seit Jahrzehnten Hunderttausende serbischer Mitbürgerinnen und -bürger hier in Deutschland leben und zum Bestandteil dieser demokratischen Gesellschaft geworden sind, sowie, dass die Serbische Orthodoxe Kirche und ihre Diözese von Mitteleuropa ein geachtetes Mitglied in der Familie der Orthodoxen Kirchen der Welt und in diesem Land ist. Umso unverantwortlicher ist der Umgang zahlreicher Medien, aber auch mancher Politiker mit einer Terminologie, die wahrheitswidrig alle Serben zu Anhängern der Politik des Präsidenten Milosevic stempelt.
Bevor der Konflikt noch weiter eskaliert, muss raschestens ein Weg gefunden werden, der auch dem serbischen Volk seinen ihm zustehenden Platz in der Völkergemeinschaft und seine Souveränität garantiert - und der albanischen Minderheit in Jugoslawien die ihr zustehenden Menschenrechte. Dazu ist eine unverzügliche Waffenruhe erforderlich: die Einstellung der NATO-Angriffe sowie der Vertreibung von Bürgerinnen und Bürgern des Kosovo und Metohija aus ihren Häusern und ihrer angestammten Heimat. Zugleich müssen solche Verhandlungen über die Zukunft des Kosovo und des Metohija unter Einschaltung nicht nur der NATO-Staaten, sondern vor allem auch der Russischen Föderation wieder aufgenommen werden, wobei das alleinige Ziel die Garantie des Lebensrechtes für alle Menschen, denen diese Gebiete eine Heimat sind, sein kann: Wenn zur Erreichung dieses Ziels eine ausländische Friedenstruppe entsandt werden muss, dann bedarf diese einer Legitimation durch die UNO und sollte zudem - um Vertrauen zu schaffen - Soldaten jener orthodoxen Länder umfassen, mit denen Serbien das Band des Glaubens und der Kultur verbindet, also beispielsweise Russland, Griechenland und die Ukraine.
In seiner Osterbotschaft hat der Heilige Synod der Serbischen Orthodoxen Kirche erklärt, die Auferstehung Christi bedeute: Es darf keinen Tod und Zerstörung für niemanden geben, sondern Leben und Heil für alle Lebenden und für alles, was existiert! Dieser Botschaft ist nichts hinzuzufügen: Alle, denen von Gott die Macht dazu anvertraut wurde, sind jetzt gerufen, den Weg des Todes und der Zerstörung, der von so vielen auf allen Seiten beim derzeitigen Krieg auf dem Balkan begangen und von so vielen hier zu Lande geistig unterstützt worden ist, unverzüglich zu verlassen und nach Leben und Heil für alle Menschen dort und allüberall zu suchen! Noch ist es nicht zu spät: Hoffen wir, dass Gott uns noch Zeit zu solcher Umkehr schenkt!
Kommission der Orthodoxen Kirche in Deutschland - Verband
der Diözesen
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