Zum Abschluss des zum vierten Mal seit 1995 auf Initiative des
Ökumenischen Patriarchen Batholomaios zu Fragen der Ökologie durchgeführten
Symposions, das in diesem Jahr in der Adria stattfand und seinen Abschluss in
Venedig hatte, wurde die folgende Erklärung veröffentlicht, die am
10. Juni 2002 vom Ökumenischen Patriarchen in Venedig und von Papst Johannes
Paul II. in Rom unterzeichnet worden ist.
Die feierliche Unterzeichnungszeremonie im Dogenpalast in Venedig, an der als
Vertreter der Römisch-Katholischen Kirche auch die Kardinäle Roger
Etchegaray und Walter Kasper, Patriarch Angelo Scola sowie Vertreter anderer
Glaubensgemeinschaften teilnahmen, war der Höhepunkt des "schwimmenden
Symposions" zur Rettung der Adria.
Wir haben uns heute hier im Geiste des Friedens versammelt zum Wohle aller Menschen
und zur Bewahrung der Schöpfung. An diesem Punkt der Geschichte, am Anfang
des dritten Millenniums, sehen wir mit Traurigkeit, dass täglich eine große
Zahl von Menschen an Gewalt, Hunger, Armut und Krankheit leidet. Wir sind auch
besorgt über die negativen Folgen für die Menschheit und die gesamte
Schöpfung, die aus der Verschlechterung der Qualität grundlegender
natürlicher Ressourcen wie Wasser, Luft und Boden resultieren, die durch
einen ökonomischen und technischen Fortschritt hervorgerufen wird, der
seine Grenzen nicht anerkennt und berücksichtigt.
Der allmächtige Gott entwarf eine Welt der Schönheit und Harmonie,
und er hat sie erschaffen, er schuf jeden Teil als einen Ausdruck seiner Freiheit,
Weisheit und Liebe (vgl. Gen 1,1-25). In die Mitte seiner gesamten Schöpfung
stellte er uns, den Menschen, mit unserer unveräußerlichen menschlichen
Würde. Zwar teilen wir viele Merkmale mit den anderen Lebewesen, doch der
allmächtige Gott ging einen Schritt weiter mit uns und gab uns eine unsterbliche
Seele, die Quelle von Selbst-Bewusstsein und Freiheit, Begabungen, die uns zu
seinem Bild und Gleichnis machen (vgl. Gen 1,26-31; 2,7). Ausgestattet mit dieser
Ähnlichkeit sind wir von Gott in die Welt gestellt worden, um daran mitzuarbeiten,
die göttliche Absicht für die Schöpfung immer mehr zu realisieren.
Am Anfang der Geschichte sündigten Mann und Frau, indem sie ungehorsam
gegenüber Gott waren und seinen Schöpfungsplan ablehnten. Zu den Folgen
dieser ersten Sünde zählte die Zerstörung der ursprünglichen
Harmonie der Schöpfung. Wenn wir aufmerksam die soziale Krise und die Umweltkrise
untersuchen, vor der die Weltgemeinschaft steht, müssen wir zu dem Schluss
kommen, dass wir noch immer die Aufgabe, die Gott uns gegeben hat, verraten:
zur Mitarbeit mit Gott berufene Verwalter zu sein, die in Heiligkeit und Weisheit
über die Schöpfung wachen.
Gott hat die Welt nicht verworfen. Es ist sein Wille, dass sein Plan und unsere
Hoffnung auf ihn durch unsere Mitarbeit an der Wiederherstellung der ursprünglichen
Harmonie realisiert wird. In unserer gegenwärtigen Zeit beobachten wir
ein Anwachsen des ökologischen Bewusstseins, das gefördert werden
muss, damit es zu praktikablen Programmen und Initiativen führt. Sich der
Beziehung zwischen Gott und Menschheit bewusst zu sein führt dazu, der
Wichtigkeit der Beziehung zwischen Menschen und der natürlichen Umwelt,
die Gottes Schöpfung ist und die Gott uns anvertraut hat, sie mit Weisheit
und Liebe zu bewahren (vgl. Gen 1,28), einen tiefergehenden Sinn zu geben.
Respekt vor der Schöpfung erwächst dem Respekt vor dem menschlichen
Leben und seiner Würde. Auf der Basis unsere Erkenntnis, dass die Welt
von Gott geschaffen ist, können wir eine objektive moralisch Ordnung wahrnehmen,
in der ein Prinzip der Umweltethik formuliert wird. In dieser Hinsicht müssen
Christen und alle anderen Gläubigen eine spezifische Rolle spielen beim
Verkünden moralischer Werte und bei der Erziehung der Menschen zu ökologischem
Bewusstsein, was nichts anderes ist als Verantwortung gegenüber sich selbst,
gegenüber anderen, gegenüber der Schöpfung.
Was von uns erwartet wird, ist ein Akt der Buße und der Versuch einer
erneuerten Sicht von uns selbst, von einander und von der Welt, die uns umgibt,
aus der Perspektive des göttlichen Schöpfungsplans. Das Problem ist
nicht einfach ökonomisch oder technologisch, sondern moralisch und spirituell.
Eine Lösung auf der ökonomischen und technologischen Ebene kann nur
gefunden werden, wenn wir einen ganz radikalen inneren Wandel im Herzen vollziehen,
der zu einer Änderung unseres Lebensstils und der unerträglichen Muster
von Konsum und Produktion führen kann. Eine echte Wandlung in Christus
wird uns dazu befähigen, unser Denken und Handeln zu ändern.
Als erstes müssen wir die Demut zurückgewinnen und die Grenzen unserer
Macht anerkennen, und am wichtigsten, die Grenzen unseres Wissens und Urteilens.
Wir haben Entscheidungen getroffen, Taten unternommen und Werte festgelegt,
die uns von der Welt, wie sie sein sollte, wegführen, weg von Gottes Schöpfungsplan,
weg von allem, was essentiell für einen gesunden Planeten und eine gesunde
Gemeinschaft der Menschen ist. Ein neuer Ansatz und eine neue Kultur sind notwendig,
die auf der zentralen Stellung der menschlichen Person innerhalb der Schöpfung
basieren und von einem umweltethischen Verhalten inspiriert sind, die in unserem
Dreierverhältnis zu Gott, uns selbst und der Schöpfung wurzeln. Eine
solche Ethik fördert die Interdependenz und betont die Prinzipien universaler
Solidarität, sozialer Gerechtigkeit und der Verantwortung, um eine wahrhafte
Kultur des Lebens voranzubringen.
Zweitens müssen wir anerkennen, dass die Menschheit zu etwas Besserem berufen
ist als das, was wir um uns herum sehen. Wir und - noch viel mehr - unsere Kinder
und zukünftige Generationen haben das Recht auf eine bessere Welt, eine
Welt frei von Erniedrigung, Gewalt und Blutvergießen, eine Welt der Großzügigkeit
und Liebe.
Drittens müssen wir, den Wert des Gebetes eingedenk, Gott den Schöpfer
bestürmen, Menschen überall zu erleuchten, ihre Aufgabe zu erfüllen,
nämlich die Schöpfung zu respektieren und sorgsam zu hüten. Deshalb
laden wir alle Männer und Frauen guten Willens ein, über die Wichtigkeit
der folgenden ethischen Ziele nachzudenken:
(Übersetzung
aus dem englischen Originaltext: Kerstin Keller)
[ zum Seitenanfang ] [ Zurück zur Übersicht ]
© 2002 KOKiD