In diesem
Jahr haben die Kirchen des Westens und die Kirchen des Ostens einen zweifachen
Grund über ihre je eigene Kirchengeschichte und ihre Beziehungen zueinander
nachzudenken.
950 Jahre sind es her, seitdem die Spannungen zwischen der Ost- und der Westkirche
im Jahr 1054 einen Höhepunkt erreichten, als Kardinal Humbert von der Westkirche
und Patriarch Michael Kerullarios von der Ostkirche sich gegenseitig exkommunizierten.
Das Jahr 2004 ist zugleich auch ein Gedenkjahr an den IV. Kreuzzug im Jahr 1204,
mit dem die Auseinandersetzungen zwischen beiden Kirchen sich weiter zuspitzten:
Während dieses Kreuzzuges eroberten und schändeten am 13. April 1204
die Kreuzfahrer Konstantinopel, den Sitz des Ökumenischen Patriarchen und
des byzantinischen Kaisers und setzten dort einen lateinischen Patriarchen und
einen lateinischen Kaiser ein.
Für das Miteinander der Kirchen können derartige Jahrestage Anlass
sein, neu über die Vergangenheit, vor allem aber über die Gegenwart
und die gemeinsame Zukunft nachzudenken. Dabei geht es nicht nur um ein Erinnern
an solche Ereignisse, sondern auch um das Tun, um konkrete Zeichen veränderter
Beziehungen und Gesten der Versöhnung.
Ein solches Zeichen setzten am 5. Januar 1964 der Ökumenische Patriarch
Athenagoras und Papst Paul VI. durch ihre historische Begegnung auf dem Ölberg
in Jerusalem und ein Jahr später, am 7. Dezember 1965, als sie durch eine
„Gemeinsame Erklärung“ die gegenseitigen Exkommunikationen
aus dem Jahr 1054 „bedauerten, aus dem Gedächtnis und der Mitte der
Kirche tilgten und dem Vergessen anheim fallen ließen.“ Im Blick
auf den IV. Kreuzzug hat Papst Johannes Paul II. in seiner Ansprache bei seinem
Besuch der Orthodoxen Kirche von Griechenland 2001 einen wichtigen Schritt getan.
Er sprach dabei von einem „Bedürfnis nach einem befreienden Prozess
der Bereinigung der Erinnerung“ und bat Gott um Vergebung für „einige
Ereignisse der fernen Vergangenheit, die bis zum heutigen Tag tiefe Wunden hinterlassen
haben“.
Auch die Kirchen der Reformation wissen um ihre Verantwortung für die leidvolle
Vergangenheit und suchen im verstärkten Dialog mit der Orthodoxie nach
Versöhnung und vertiefter Gemeinschaft, u.a. auch durch die gemeinsame
Arbeit im Ökumenischen Rat der Kirchen und in der Konferenz Europäischer
Kirchen.
Die ACK in Deutschland begrüßt diese Zeichen der Versöhnung
und drückt ihr tiefes Bedauern über alle Gewalt aus, die Christen
in der Vergangenheit aneinander und an Dritten verübt haben.
Die Erinnerung an Wunden der Vergangenheit ist eine Verpflichtung für ein
vertieftes ökumenisches Miteinander aller Kirchen heute. Angesichts der
Versöhnung in Christus und der Vielfalt der Völker und Kulturen in
Europa sind wir aufgerufen, nicht nur rückwärts zu schauen und dabei
in gegenseitigen Aufrechnungen und Schuldzuweisungen zu verbleiben, sondern
zukunftsorientiert die Zusammengehörigkeit von Ost und West zu vertiefen
und im Handeln und Reden zu bezeugen.
In der Charta Oecumenica verpflichten sich die Kirchen, aufeinander zu zugehen
und die Wunden der Geschichte zu heilen. Es heißt dort wörtlich:
„Im Geiste des Evangeliums müssen wir gemeinsam die Geschichte der
christlichen Kirchen aufarbeiten, die durch viele gute Erfahrungen, aber auch
durch Spaltungen, Verfeindungen und sogar durch kriegerische Auseinandersetzungen
geprägt ist.“
Indem wir diese ökumenische Verpflichtung unterstreichen, rufen wir die
Kirchen und Gemeinden in unserem Lande dazu auf:
• die Begegnung und
das Gespräch über alle Konfessionsgrenzen hinweg, besonders zwischen
orthodoxen und nichtorthodoxen Christen und Kirchen zu suchen und gegenseitig
Zeugnis vom Glauben abzulegen,
einander in Gottes versöhnender Liebe zu begegnen, füreinander zu
beten und konkrete Zeichen und Gesten der Versöhnung und Wiedergutmachung
zu setzen,
• die orthodoxen Kirchen und Gemeinden im Vorderen Orient, die zu einer
kleinen Minderheit geworden sind, durch Gebet zu begleiten und sie materiell
und ideell zu unterstützen,
die belastenden Erfahrungen der Vergangenheit wahrzunehmen und die heutigen
positiven Erfahrungen gegenseitiger Auf- und Annahme festzuhalten und zu vertiefen,
• bei aller Unterschiedlichkeit der kulturellen und glaubensmäßigen
Vielfalt den Reichtum und die Einheit im Glauben sichtbar werden zu lassen,
für die Möglichkeit der Begegnung zu danken und sie zu nutzen, und
das gemeinsame Osterfest 2004 zum Anlass zu nehmen, um miteinander Gottesdienste
im Bewusstsein der einen, in Christus gründenden Hoffnung zu feiern.
Heiligenstadt, den 11. März 2004
Für die Arbeitsgemeinschaft
Christlicher Kirchen in Deutschland
Bischof Dr. Walter Klaiber, Vorsitzender
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